Meerschweinchens Märchenstunde

oder was so alles in Büchern und im Internet zu finden ist.......

Wenn man Tiere züchtet, da kann man so einiges erleben. Man lernt auf verschiedenen Wegen viele Menschen kennen, ob via Internet, telefonisch oder persönlich. Meistens sind es nette Begegnungen, manchmal auch sehr seltsame. Vielen begegnet man „pass away", also im Vorübergehen, mit anderen bleibt man in Kontakt. Und fast alle diese Menschen, die man kennen lernt bringen mir etwas mit: Eine Geschichte. Die Geschichte ihrer Meerschweinchen. Sie erzählen sie, und im Gespräch, oder auch per Email, hört man da immer wieder Aussagen, die einfach nicht stimmen.

Wenn man sich aber dann die Mühe macht und „googelt", so wird man diese Aussagen bestätigt bekommen. Wie ein hoax halten sich manche Dinge hartnäckig und werden lustig weiter verbreitet. Manchmal sind es aber auch einfach veraltete Ansichten, die wissenschaftlich längst widerlegt sind. Die Fundorte sind oftmals Foren aller Art, aber auch die eine oder andere Homepage, sogar von Züchtern und Tierärzten. Auch findet man viele unterschiedliche Aussagen zu ein und der selben Frage.

Manchmal sind diese Dinge amüsant, meistens haben sie aber schwerwiegende Folgen für unsere kleinen Freunde.

Was aber soll der verunsicherte Meerschweinchenbesitzer nun in den Wirrungen all dieser unterschiedlicher Aussagen glauben? Das ist wirklich schwierig, wenn sogar Tierärzte oft nicht das nötige Fachwissen haben.

Trotzdem möchte ich hier versuchen, mit einigen dieser Gerüchten eine neue Suppe zu kochen. Da ich aber auch kein Dr. Allwissend bin, so möchte ich insbesondere die MCB Mitglieder, aber auch jeden anderen Meeribesitzer oder Tierarzt, der irgendetwas dazu beitragen kann, bitten mir zu helfen, die nachfolgende Liste am Leben zu erhalten und wachsen zu lassen. Also seid so nett, und liefert mir möglichst viele Zutaten, damit es eine gute Suppe wird ;-).

 

  1. Hartes Brot ist gut für die Zähne.

    Beissen Sie doch mal ein Stück hartes Brot ab und kauen es. Es ist in Kürze eingespeichelt und hat keinerlei Nutzen für die Zähne.

    Ausserdem schädigt es durch den Gehalt an Getreide und Zusatzstoffen die empfindliche Darmflora und legt den Grundstein für viele Erkrankungen.

    Zweige von z.B. Obstgehölzen oder auch Haselnuss werden gerne abgeknabbert und sorgen für den nötigen Zahnabrieb. Wichtig ist natürlich auch die Fütterung von Heu, welche für den nötigen Zahnabrieb sorgt.

  2. Der Beckenspalt (Symphyse) der Weibchen verknöchert, wenn das Weibchen nicht innerhalb des 1. Lebensjahres oder schon länger als 1 Jahr keinen Wurf hatte.

    Die Symphyse kann gar nicht verknöchern, weil sie nicht zusammengewachsen ist und selbst nur aus Knorpelgewebe besteht.

    Meerschweinchenweibchen haben, wie viele Säugetiere eine Symphyse. Das ist eine knorpelige Kontaktstelle zwischen Scham- und Sitzbeinen der rechten und linken Beckenhälfte, die während der Trächtigkeit durch den Einfluss der Hormone, die sich während der Trächtigkeit umstellen, in schleimiges Bindegewebe umgewandelt und geweitet wird, damit die Babys den Geburtskanal passieren können. Das ist bei uns Menschen genau so. Das Becken wird zusätzlich von den Beckenbändern zusammengehalten. Die Symphyse lockert sich durch das Hormon Relaxin ab dem letzten Trächtigkeitsdrittel und öffnet sich ca. 5 Tage vor der Geburt 1,5 - 2 cm breit. Das kann man ertasten und als Hinweis dafür nehmen, dass die Geburt kurz bevor steht.
    Der erste Wurf sollte innerhalb des ersten Lebensjahres erfolgen, weil die Beckenbänder und die Symphyse sonst durch den fehlenden Einfluss der Hormone und die fehlende mechanische Dehnung ihre Elastizität verlieren. Bei einer späteren Trächtigkeit kommt es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Komplikationen bei der Geburt, weil die Babys dann nicht durch den Geburtskanal passen. Ebenso verhält es sich, wenn der letzte Wurf länger als 12 Monate zurück liegt oder das Weibchen älter als 3 Jahre ist. Bei älteren Weibchen sinkt der Hormonspiegel im Rahmen des natürlichen Alterungsprozesses, wodurch die Symphyse ebenfalls nicht mehr gelockert wird. Die Beckenbänder können nicht mehr genügend gedehnt werden, weil sie ihre Elastizität verlieren. Komplikationen bei der Geburt kommen kann. (Infos von Annett Bauer, Tierheilpraktikerin)

  3. Meerschweinchen sind pflegeleichte Tiere und ideal für Kinder.

    Eine Antwort auf diese Frage erübrigt sich, wenn man sich ausreichend über Meerschweinchenhaltung informiert hat.

    Gerade kleinere Kinder sind motorisch noch nicht so entwickelt um ein Meerschweinchen richtig halten zu können. Und Meerschweinchen mögen es gar nicht, wie ein Stofftier rumgeschleppt zu werden, oder im Puppenwagen spazieren gefahren zu werden. Meerschweinchen sind für Kinder nur sehr bedingt geeignet. Auf jeden Fall müssen die Eltern mit in der Verantwortung stehen und die Kinder richtig anleiten.

     

  4. Meerschweinchen und Kaninchen kann man gut zusammen halten.

    Das stimmt nicht, denn Meerschweinchen und Kaninchen haben völlig unterschiedliche Verhaltensweisen und Sprachen und brauchen Artgenossen als Sozialpartner. Eine Gemeinschaftshaltung ist allenfalls in sehr großen Gehegen möglich, wenn jede Art ihre eigenen Sozialpartner hat. Dennoch kann es durch das oftmals sehr ruppige Verhalten von Kaninchen/Hasen kommt es immer wieder zu schweren Verletzungen bei Meerschweinchen. Deshalb besser getrennt halten.

  5. Meerschweinchen vertragen keinen Kohl oder Kohl ist giftig für Meerschweinchen.

    Das stimmt so nicht, denn ich füttere schon seit Jahren Kohl in unterschiedlichen Arten und meinen Meerschweinchen geht es hervorragend. Aber es gibt bei der Fütterung von Kohl einiges zu beachten.

    Fakt ist: Verschiedene Kohlarten haben einen unterschiedlich hohen Gehalt an Wirkstoffen die Blähungen verursachen können. Deshalb muss man Meerschweinchen immer sehr langsam an das neue Futter gewöhnen. Empfindliche Tiere können dadurch möglicherweise schon leichte Blähungen bekommen, einige vertragen Kohl gar nicht. Durch die regelmäßige Fütterung von Kohl stellt sich die Darmflora auf die Verdauung dieser Pflanzenfasern ein und Kohl ist vor allem im Winter ein wertvolles Zusatzfutter. Chinakohl und Kohlrabi enthalten weniger blähende Inhaltsstoffe und gelten als verträglicher.

  6. Meerschweinchenböcke kann man nicht zusammen halten.

    Wer das behauptet, hat keine Ahnung von Meerschweinchenhaltung. Böckchen können sehr wohl in einer Gruppe gehalten werden, solange keine Weibchen in der Nähe sind. Aber es kann natürlich schon vorkommen, dass zwei Gesellen sich nicht vertragen, oder dass ein Böckchen generell keine anderen Götter neben sich duldet. Das hängt ganz vom Charakter der einzelnen Tiere ab. Wenn man zwei sehr dominante Charaktere miteinander vergesellschaften möchte, kann es zu Problemen kommen, wenn sich keiner dem Anderen unterordnen möchte. Es gibt Meerschweinchenfreunde, die halten schon seit Jahren erfolgreich und problemlos Böckchengruppen. In der Zucht ist das etwas anderes. Böckchen, die schon einmal in den Genuss von Weibchen gekommen sind, sind meistens gar nicht mehr bereit, sich mit einem anderen Böckchen das Revier zu teilen.

     

  7. Meerschweinchen haben einen Stopfdarm, der kaum eigene Peristaltik hat.
  8. Der eigentliche Darmtrakt hat eine normal funktionierende Peristaltik. Der Magen grenzt an Leber, Bauchspeicheldrüse, Dickdarmschlingen und Milz an und befindet sich links von der 9. bis 11. Rippe. Im Vergleich zum Darm, insbesondere zum Blinddarm ist er sehr klein und immer mindestens bis zur Hälfte gefüllt, nüchtern dürfen Meerschweinchen nie sein. Sein Fassungsvermögen bei ausgewachsenen Meerschweinchen beträgt etwa 20 - 30 ml.
    Begrenzt wird er lediglich links durch die Bauchwand, so dass er sich, je nach Füllungsgrad bis zur Nabelgegend hin ausbreiten kann. Lediglich der Magenausgangsbereich besitzt eine ordentlich ausgeprägte Muskulatur, so dass ein aktiver Transport durch Muskelbewegungen nicht stattfinden kann. Der Nahrungsbrei wird deshalb mechanisch durch neu aufgenommene Nahrung weiter geschoben. Daher sind Meerschweinchen Dauerfresser - wir nehmen am Tag 60 - 80 Mahlzeiten ein. Herrscht Futtermangel, wird der Magen trotzdem entleert. Dadurch verlangsamt sich auch die Darmmotorik, da der mechanische Reiz fehlt. Dann kann der Nahrungsbrei nicht weiter verschoben werden, so dass es zu Verdauungsstörungen kommt, weil die empfindliche Darmflora gestört wird. Der Magen ist einhöhlig und verfügt weder über einen Vormagen noch über eine Kardialdrüsenzone, so dass die gesamte Magenschleimhaut zur Bildung eines sauren Verdauungssekretes beitragen muss. 
    Die Bezeichnung Stopfmagen kommt nicht davon, dass die Nahrung weitergestopft wird, sondern dass der Magen an sich vollgestopft wird, bis nichts mehr reinpasst. Ähnlich stopfen Hühner und Enten ihren Kropf voll, so hat man für Futterpausen genügend Nahrung und der Darm wird nicht so schnell leer. (Infos von Annett Bauer, Tierheilpraktikerin)
     

Eva-M. Ganslmeier, Landshuter Moppelbande, www.meerschweinchen-landshut.de

Danke an Annett Bauer, 1. Vorsitzende des MCB. Sie hat mir als Erste ein paar wertvolle Zutaten für meine Informationssuppe geliefert.